Vorderasiatische Archäologie
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UR Keramik

Die Ur III- und altbabylonische Keramik von Ur

DFG-Projekt, 2021-2023

Projektleitung: Prof. Dr. Adelheid Otto
Wissenschaftlicher Mitarbeiter: Dr. des. Albert Dietz

Projektbeschreibung

Ziel des Projektes ist die Bearbeitung der Keramik der Ur III- und altbabylonischen Schichten aus Areal 5 in Ur. Die Keramik stammt aus den 2017 und 2019 von der LMU München in Ur durchgeführten Ausgrabungen, in denen Funde und Befunde feinteilig ausgegraben und dokumentiert wurden. Die Ausgrabungen Sir Leonard Woolleys in Ur (1922-1934) waren in vieler Hinsicht maßgeblich für das Verständnis des Alten Orients, nicht jedoch für die Kenntnis der Keramik. Mit unserem neuen Material ist es erstmals möglich eine detaillierte Auswertung altbabylonischer und Ur III-zeitlicher Keramik von Ur mittels Keramikseriation vorzunehmen. Die altbabylonische Keramik stammt aus gut datierten Kontexten in einem Wohnhaus mit drei sukzessiven Nutzungsphasen, die Ur III-zeitliche Keramik aus den darunterliegenden Speicher- und Hofbauten. Statistische Auswertungen werden eine detaillierte Analyse der Entwicklung der Keramikformen ermöglichen. Darüberhinaus sollen durch das Projekt nicht nur Fixpunkte für die Keramik Urs, sondern verlässliche Daten generell für die Keramik Babyloniens in den entsprechenden Perioden erarbeitet werden.

Das Haus des Sîn-nādā:

In Schicht 4 wurde ein einziges Haus erfasst, dessen Mauern größtenteils direkt an der Oberfläche lagen. Das ca. 230 qm messende Haus bestand aus 16 Räumen, die sich um einen Hof legten, und weist vier Phasen mit baulichen Veränderungen in Form von Türzusetzungen oder -durchbrüchen und veränderten Installationen auf. Phasen 1 und 2 datieren Isin-Larsa-zeitlich, Phasen 3 und 4 altbabylonisch. In Phasen 1 und 2 wurde das Haus vom Ningal-Tempel-Intendanten Sîn-nādā und seiner Frau Nuṭṭuptum bewohnt. Die Datierung ergibt sich bislang aus datierten Tontafeln und aus Siegelabrollungen, deren Siegel Königsnamen nennen.
Das Haus wurde im Jahr 1835 abrupt verlassen. Wertlose Dinge wie Keramik oder beschädigte Objekte (Geräte, Figurinen, Tontafeln und Siegelabrollungen) wurden teilweise in den Räumen zurückgelassen (Abb. 1b-d), teilweise in Raum 5 auf einen großen Abfallhaufen geworfen (Abb. 1a). Die genaue Datierung dieses einschneidenden Ereignisses erhalten wir aus den spätesten Tontafeln, die auf die Könige Sîn-iqîšam Jahr 5 (1836) und Ṣilli-Adad (1835) datieren, sowie aus Siegelabrollungen des Hausbesitzers Sîn-nādā, der offensichtlich gleichzeitig zwei verschiedene Siegel verwendete. Auf dem einen bezeichnete er sich als Diener des Sîn-eribam (1842-1840), auf dem anderen als Diener des Ṣilli-Adad (1835). Dies liefert uns eine auf ein einziges Jahr präzise Datierung des Moments, in dem das Haus aufgegeben wird. Das bedeutet einen exakten terminus ante quem für das gesamte in dem Auflassungshorizont vergesellschaftete Material inklusive der Keramik – ein einmaliger Glücksfall für die Datierung frühaltbabylonischen / Isin-Larsa-Materials.

 Abb. 1

  • Abb. 1a: Weggeworfene Keramik, gemischt mit datierten Siegelabrollungen und Tontafeln
    im Abfallhaufen in Raum 5, Level 4, Phase 2.
  • Abb. 1b: Bemalte Schale aus Raum 8, Level 4, Phase 2.
  • Abb. 1c: Keramik auf dem Fußboden von Raum 8, Level 4, Phase 2.
  • Abb. 1d: Zwei fragmentierte Schalen neben dem Brief des Sîn-nādā an seine Frau Nuṭṭuptum (Pfeil) auf dem Fußboden von Raum 13, Level 4, Phase 2.

In Phase 3 wurde das Haus erneut zu Wohn- und Arbeitszwecken genutzt. Von einem Besitzerwechsel ist aufgrund von zahlreichen Veränderungen am Haus auszugehen. Auch Phase 3 scheint recht abrupt verlassen worden zu sein, jedenfalls blieben auch hier auf dem Fußboden komplette bzw. zerscherbte vollständige Gefäße zurück (Abb. 2).

 Abb. 2

Abb. 2: Zerscherbte Gefäße auf dem Fußboden von Raum 9 neben einer Mahlinstallation aus Basalt, Level 4, Phase 3.

Die Ur III-zeitliche Schicht

Abb. 3

Abb. 3: Freifläche (oben) mit Scherbenpflaster und einer Installation (rotes Viereck, Detail links unten)
sowie weiterer in-situ Keramik (gelbes Dreieck, Detail rechts unten)
und einem großen, im Boden eingelassenen Gefäß (blauer Kreis, s.a. Abb. 4).

Das oben beschriebene „Haus des Sîn-nādā“ aus Level 4 legt sich unmittelbar auf die Ur III-zeitliche Schicht. Der ausgegrabene Ur III-zeitliche Bereich liegt südlich des Sîn-nādā-Hauses, wo keine Isin-Larsa-zeitliche Bebauung anstand. Bei diesem Bereich handelt es sich jedoch nicht um ein Wohnhaus, sondern um einen freien Platz, der auf mindestens drei Seiten von Räumen eingerahmt war (Abb. 3 oben). Zumindest die Räume auf der Ostseite des Platzes lassen ihre Funktion erkennen: es scheint sich um Vorratsräume oder Getreidespeicher zu handeln, die mit der zentralen Ur III-Administration zusammenhängen könnten. Das Material auf der Begehungsebene des Platzes, sowohl die Keramik als auch Geräte sowie ein fest in den Boden eingelassenes großes Gefäß, in dem ein Ur III-zeitliches Schalenset lag (Abb. 3 blauer Kreis, Abb. 4), sprechen für einen Bereich, der möglicherweise zur Einlieferung, zum Registrieren, Abmessen und Abwiegen und Verarbeiten von Getreide genutzt wurde.

Abb. 4

Abb. 4: Ein in den Boden eingelassenes Gefäß mit einem dreiteiligen Schalenset (links)
und einer weiteren der III-Zeit zuweisbaren Schale auf dem Gefäßboden (rechts).

Weitere Informationen

Zu den Ausgrabungen in Ur: https://www.vorderas-archaeologie.uni-muenchen.de/forschung/ur/index.html

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